Qualitätsstandards von Gutachten

Qualitätsstandards von Gutachten

Anforderungen an die Qualität sachverständiger Leistungen und deren Qualitätsstandards

Logischer Aufbau - sichere Fakten - sichere Quellen verständlicher Text ( von Dipl.-Ing. Thomas Braß öbv SV Bergisch Gladbach )

Dem Menschen, der, obwohl er, was ja nicht eben selbstverständlich ist, weiß dass es gute Deutschbücher gibt, die ihm helfen können, sich nicht dem Studium, das ihn, der das nötig hätte, fördern würde, hingibt, ist nicht zu helfen .1

Sind Sie nun - schon nach den ersten Zeilen dieses Berichtes verwirrt ?
Wissen Sie , was der erste Satz bedeuten soll, welche Botschaft steckt dahinter ?

Warum stellen Sie sich jetzt etliche Fragen zum Inhalt dieses Satzes und versuchen vielleicht einen Sinn des Inhaltes daraus zu konstruieren ?
Weil in diesem Satz keine Klarheit herrscht, sondern eher Verwirrung gestiftet wird, die sogar zu einer Mehrfachinterpretation des Inhaltes führen könnte !
Lesen sie diesen Bericht bis zum Schluss damit sie erfahren, was mit diesem Satz wirklich gemeint ist - die o.g. Fragen sollten sich jedenfalls die Leser von Sachverständigengutachten nicht stellen müssen !

Vorwort

Nicht jedes Gutachten ist auch ein richtiges Gutachten und manchmal soll ein Gutachten aber auch gar kein richtiges Gutachten sein, sondern nur eine Kurzbericht 2, eine Wertermittlung oder ein Befundschein, der dem Auftraggeber ein schnell verwertbares und ggf. auch schnell und unkompliziert vergleichbares sowie u.U. von Laien zu verstehendes Ergebnis liefert. ( z.B. im Falle der Befundscheine über die Prüfung elektrischer Anlagen nach Versicherungsklausel 3602).
Auf diese Unterschiede sollte jeder Sachverständige achten , auch wenn er nicht als öffentlich bestellter und vereidigter oder anders zertifizierter Sachverständiger arbeitet, sondern z.B. als "freier" Sachverständiger - denn das steht ja jedem Fachmann frei.

An das Ergebnis seiner sachverständigen Arbeit, nämlich an das Gutachten, welches der Sachverständige erstellt hat, sind jedoch bestimmte Ansprüche zu stellen - hier hören die "Freiheiten" auf. Die Arbeit des Sachverständigen muss klar definiert sein und sein Gutachten muss inhaltlich und formal bestimmte Eigenschaften aufweisen. Worauf es dabei ankommt und wann ein Gutachten tatsächlich ein Gutachten ist oder welche Abwandlungen es davon gibt , soll in diesem Betrag erläutert werden.


1 Thomas Braß Dipl.-Ing. Aufsatz über das SV - Wesen im VSEH
2 Bernhard Floter IfS - Köln - aus dem Aufsatz : Logisch und ohne Lücken

I. Einleitung

Verbraucher, die sich auf dem Markt einen Sachverständigen suchen, werden einen immer unübersichtlichern Markt vorfinden, einerseits durch die verschiedenen Arten von Sachverständigen die es gibt , andererseits auch durch die zunehmende Globalisierung und Europäisierung.
Deshalb halte ich eine hohe Qualität der Leistungen der Sachverständigen für enorm wichtig damit sich der hochwertige Sachverständige auf Dauer auf diesem Markt durchsetzen und behaupten kann.
Dieses Ziel ist nur durch die Einführung, die Einhaltung und ggf. sogar durch den weiteren Ausbau von Qualitätsstandards im Sachverständigenwesen zu erreichen. Die ist nicht nur für öffentlich bestellte und vereidigte oder für anders zertifizierte Sachverständige von erheblicher Bedeutung, sondern auch für die "freien Sachverständigen", die sich auch auf dem Markt bewegen. Das Wesen der öffentlichen Bestellung von Sachverständigen durch die Körperschaften öffentlichen Rechts ist ohnehin nur in Deutschland zu finden.

Gutachten müssen auf jeden Fall nachvollziehbar sein . Sie müssen die Begründung für die Schlussfolgerungen des Sachverständigen enthalten. Häufig fehlen diese Inhalte in Gutachten und dadurch sind diese Gutachten unbrauchbar.

Die Sachverständigen begründen diese "abgespeckten" Ausführung ihrer Gutachten dann damit, dass z.B. kein "ausführliches Gutachten" vom Auftraggeber bestellt und erwartet wurde und dass deshalb eine" verkürzte Form" erstellt wurde.

Hier ist allerdings Vorsicht geboten; denn ein Gutachten, dass nach Aufbau und Inhalt nicht den geltenden Standards entspricht, kann selbst bei korrektem Endergebnis fehlerhaft sein. Ein fehlerhaftes Gutachten wiederum kann eine Haftung auslösen und zwar nicht nur gegenüber dem Auftraggeber, sondern auch gegenüber Dritten (siehe hierzu auch den Beitrag Haftung des Sachverständigen gegenüber Dritten bei fehlerhaftem Wertgutachten, IfS Informationen Heft 2/2005, S. 20).2


2 aaO

Zudem kann bei einem fehlerhaften Gutachten der Vergütungsanspruch entfallen. Es stellt sich damit generell die Frage, was vor dem Hintergrund geltender Qualitätsstandards eigentlich unter einem Gutachten zu verstehen ist und wie es sich von anderen sachverständigen Leistungen unterscheidet. Es stellt sich weiterhin die Frage, wie sich dies auf die Anforderungen am Markt und die Anforderungen an den Sachverständigen auswirkt.2
Insgesamt soll die Thematik in diesem Beitrag anhand folgender Punkte dargestellt werden:

  • Allgemeine Standards für Sachverständige und deren Leistungsspektrum
  • Standards für Produkte und Dienstleistungen von Sachverständigen
  • Typische Fehler im Gutachten
  • Zusammenfassung & Fazit

II. Allgemeine Standards für Sachverständige und deren Leistungsspektrum

Für öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige z.B. der Handwerkskammern und der Industrie- und Handelskammern gehen die allgemeinen Standards im Bezug auf die Erfüllung ihrer Aufgaben aus den Sachverständigenordnungen der Bestellungskörperschaften hervor - auch aus den Zertifizierungsbedingungen für Sachverständige der IfS GmbH. Grundsätzlich sind diese o.g. "satzungsgemäßen" Standards inhaltlich aber auch auf sachverständige Leistungen übertragbar, die durch nicht öffentlich bestellte und vereidigte oder anders zertifizierte Sachverständige erbracht werden.

Nachfolgend sollen die geltenden Standards anhand der Muster - Sachverständigenordnung des WHKT , des Westdeutschen Handwerkskammertages ( auch des DIHK ) verdeutlicht werden. Nach 9 dieser Mustersachverständigenordnung hat der öffentlich bestellte Sachverständige bei seiner Leistungserfüllung folgende Grundsätze einzuhalten:

  • Der Sachverständige muss sein Gutachten unabhängig erstatten!
  • Er darf sich keiner Einflussnahme aussetzen, die Ursache dafür sein könnte, dass seine Vertrauenswürdigkeit und die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen gefährdet werden könnte.
  • Der Sachverständige muss bei der Erstellung seines Gutachtens Weisungsfrei sein!
  • Er darf keine Verpflichtung eingehen, die geeignet wäre seine tatsächlichen Beurteilungen und Feststellungen zu verfälschen.
  • Der Sachverständige muss bei der Erstattung seines Gutachten besonders gewissenhaft sein !
  • Er hat seinen Auftrag unter Berücksichtigung des aktuellen Standes der Wissenschaft und Technik, Erfahrung und den Regeln handwerklichen Könnens sorgfältig zu erfüllen.
  • Die Grundlagen seiner fachlichen Beurteilung sind sehr sorgfältig zu erarbeiten und vor allen Dingen müssen die Ergebnisse nachvollziehbar zu begründen sein.
  • Der Sachverständige hat die von seiner Kammer herausgegebenen Mindestanforderungen an Gutachten und sonstigen von der Kammer herausgegebenen Richtlinien zu beachten.
  • Der Sachverständige hat alle relevanten Untersuchungen und Ortstermine selbst höchstpersönlich durchzuführen.
  • Der Sachverständige muss seine Arbeit unparteiisch ausführen!
  • Der Sachverständige muss unbedingt darauf achten, dass er nicht den Anschein der Befangenheit erweckt! Bei allen Aktivitäten muss der Sachverständige darauf achten die absolute Neutralität zu wahren.
  • Er muss die ihm gestellten Fragen objektiv und unvoreingenommen beantworten.
  • Selbstverständlich darf der Sachverständige keine Gutachten in eigener Sache erstellen oder für Leistungen oder Objekte seines Arbeitgebers oder Dienstherren.

Analoge Ausführungen finden sich in den Rechten und Pflichten von zertifizierten Sachverständigen. Die Anforderungen gelten damit generell für das gesamte Leistungsspektrum des Sachverständigen. Die Sachverständigenordnungen der Kammern sehen allerdings nicht nur die Gutachtenerstellung als ausschließiche Tätigkeit des Sachverständigen vor. Vielmehr ist in §2(DIHK) "Öffentliche" Bestellung, Absatz 2, festgelegt, daß die öffentliche Bestellung die Erstattung von Gutachten und andere Sachverständigenleistungen wie Beratungen, Überwachungen, Prüfungen, Erteilung von Bescheinigungen sowie schiedsgutachterliche und schiedsrichterliche Tätigkeiten umfasst. In den dazugehörenden Richtlinien wird darüber hinaus ausgeführt, daß es sich hierbei nicht um eine abschließende Aufzählung handelt. Damit ist einerseits klargestellt, daß der Sachverständige für alle Leistungen gewissen Pflichten unterliegt, andererseits aber auch unterschiedliche sachverständige Leistungen anbieten kann. Wenn diese Leistung ein Gutachten ist, hat er sich an die von den Bestellungskörperschaften herausgegebenen Anforderungen zu halten. Sind es andere Produkte, gelten andere Standards.2


2 aaO

Die Schlagworte zur Gutachtenerstattung und zur Sachverständigentätigkeit insgesamt lauten zusammengefasst 1:

  • Höchstpersönlich , unabhängig, weisungsfrei, eigenverantwortlich, unparteiisch, gewissenhaft
  • Ohne die Weitergabe von Aufgaben an Dritte
  • Ohne die Einschaltung von Vertretern ( Vertretungspersonen)
  • Eigene Erarbeitung der wesentlichen Gutachten-teile durch den unterzeichnenden Sachverständigen
  • Ortstermine muss der SV selbst durchführen - er darf sich hierbei nicht vertreten lassen!

III. Die notwendigen Standards für Dienstleistungen und Produkte von Sachverständigen

Die Bezeichnung "Sachverständiger" ist nicht grundsätzlich gesetzlich geschützt, so daß sich jeder auf Sachgebieten, in denen es keiner gesetzlich geregelten Zulassung oder Anerkennung bedarf, am Gutachtenmarkt betätigen kann und diesen "Titel" selbst verleihen darf. 1

Man unterscheidet mehrere Gruppen von Sachverständigen, wobei Sachverständige ohne Weiteres mehreren Gruppen zugleich angehören können. So sind Sachverständige, die für amtlich anerkannte Prüforganisationen arbeiten, je nach Aufgabenbereichen zum Teil auch öffentlich bestellt und vereidigt oder verfügen über eine Zertifizierung. Selbstständige öffentlich bestellte Sachverständige sind z.B. Mitglieder von Verbänden, die ihrerseits eigene Verbandsanerkennungen aussprechen. Staatlich anerkannte Sachverständige entsprechend der Landesbauordnungen können zusätzlich über eine öffentliche Bestellung verfügen. Eine Vielzahl von Varianten ist hier möglich. 1


1 aaO

So ist auch der Begriff "Gutachten" nicht gesetzlich definiert.

Trotzdem ist zu unterscheiden zwischen einem "vollwertigen" Gutachten und anderen Leistungen die Sachverständige anbieten und die sich an den Wünschen des Marktes orientieren. Dabei kann es sich z.B. um Kurzberichte, Schadenkalkulationen, Schadenberichte, Wertermittlung, Stellungnahmen, Prüfberichte , Befundschein o.ä. handeln. Während an Gutachten die vorgeschriebenen Anforderungen gestellt werden, sind die Anforderungen an die anderen wie oben beispielhaft aufgezählt - flexibler und sind m.E. im Auftrag klar zu spezifizieren. Für diese anderen Produkte gilt jedoch auch, dass hier nicht mit verminderter Sorgfalt gearbeitet werden kann dagegen sprechen alleine schon die Haftungsgründe. Aus diesem Grund sollte bei der Bezeichnung (Überschrift) der Leistung anhand des Inhalts differenziert werden. Sonst kann es passieren, dass ein sogenanntes Gutachten, das in Wirklichkeit eine kurze und gemäß den Wünschen des Auftraggebers in erster Linie eine Wertermittlung mit verkürzter Begründung darstellt, vor Gericht oder bei der Gutachtenüberprüfung als fehlerhaft angesehen wird.

Auch im Bereich der Haftung des Sachverständigen spielt diese Unterscheidung eine Rolle.

III.1 Rechtliche Grundlagen für die Erstellung von Gutachten

Zwar gibt es derzeit keine gesetzlichen Regelung für die Erstellung von Gutachten, dennoch haben sich in der Rechtsprechung Grundsätze dazu entwickelt. M.E. entstanden diese Grundsätze insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Entschädigung bei fehlerhaften Gutachten und Haftungsfragen.

Sachverständige nehmen aufgrund ihrer Sachkunde und Erfahrung zu tatsächlichen Sachverhalten Stellung und erteilen fachlichen Rat, beantworten aber keine Rechtsfragen und subsumieren schon gar nicht tatsächliche Sachverhalte unter rechtliche Tatbestände. Mithin haben Sachverständige die Aufgabe, unparteiisch, unabhängig und objektiv den vom jeweiligen Auftraggeber vorgegebenen Sachverhalt fachlich zu beurteilen oder zu bewerten, so dass das Gutachtenergebnis von jedermann, dem das Gutachten vorgelegt wird, akzeptiert werden kann. Der Sachverständige muss also glaubhaft und vertrauenswürdig sein, so dass seine gutachtliche Aussage verkehrsfähig wie eine Urkunde ist. 1

III.1.1 Dazu aus der Rechtsprechung:

  • Ein Gutachten erfordert eine umfassende und in sich nachvollziehbare Darstellung des Erkenntnis- und Wertungsprozesses des Begutachtenden. Hierzu gehören die Angaben der von ihm herangezogenen und ausgewerteten Erkenntnismittel sowie die hierdurch erlangten Informationen [...] KG Berlin, 5. Strafsenat, Beschluss vom 11.12.1998, AZ.: 5 Ws 672/98 7
  • Gutachten [...], die nicht den Mindestanforderungen entsprechen, die DIHT und Kammern an die Fertigung solcher Gutachten aufgestellt haben, [sind fehlerhaft] VG Stade, Urteil vom 9.6.1988, AZ.: 1 VG A 48/86. 7
  • Die Verwertbarkeit des Gutachtens ist entscheidend von dessen Nachprüfbarkeit abhängig. Von daher besteht ein Entschädigungsanspruch des Sachverständigen nicht, wenn er pflichtwidrig grob fahrlässig die Unbrauchbarkeit des Gutachtens herbeiführt, indem er lediglich ein Ergebnis mitteilt, das nicht nachvollziehbar dargestellt ist. OLG Düsseldorf, 10. Zivilsenat, Beschluss vom 6. März 1997, AZ.: 10 W 33/97 7

III.2 Richtlinien und sonstige Standards

Um sicherzustellen, daß die Anforderungen vom Sachverständigen eingehalten werden, haben die Bestellungskörperschaften und das IfS für bedeutsame Sachgebiete (z.B. Bewertung von Grundstücken, Schäden an Gebäuden, Kraftfahrzeugschäden- und Bewertung) sogenannte Anforderungen an Gutachten erarbeitet, die von den entsprechenden Kreisen als verbindlich angesehen werden. (s. z. B. auch 1.3.5 der Allgemeinen Informationen und Bedingungen zur Zertifizierung von Sachverständigen für die Bewertung von bebauten und unbebauten Grundstücken der IfS GmbH). Als erster Grundsatz ist dort Folgendes festgehalten: "Sachverständigengutachten" müssen nachvollziehbar, begründet und vollständig sein. 2


2 aaO
7
Zitiert aus 2

III.2.1 Richtlinien der Sachverständigenordnungen

Zudem schreiben die Richtlinien zur Mustersachverständigenordnung hinsichtlich der Form der Gutachtenerstattung Folgendes vor:

Ein Gutachten muss...

  • ...systematisch aufgebaut und übersichtlich gegliedert sein, in den Gedankengängen für den Laien nachvollziehbar und für den Fachmann nachprüfbar sein;
    Hierbei ist es äußerst wichtig sich klar zu machen, was Nachprüfbarkeit bedeutet! Nachprüfbarkeit bedeutet, dass die das Gutachten tragenden Elemente nämlich Feststellungen und Schlussfolgerungen - so dargestellt sind, daß diese von einem Fachmann ohne Schwierigkeiten als falsch oder richtig erkannt werden können.
  • ...auf das Wesentliche beschränkt bleiben
  • ...unter Berücksichtigung des jeweiligen Adressaten verständlich formuliert sein (vgl. Empfängerhorizont); unvermeidbare Fachausdrücke sind zu erläutern (Richtlinien zur Muster - SvO des DIHK und Muster SvO des WHKT 11 ).

III.2.2 Aus der Fachliteratur

Die Fachliteratur beschreibt ebenso allgemein anerkannte Grundsätze, die Inhalt und Aufbau sowie die Bezeichnung von Gutachten festlegen:

  • Grundsätzlich gilt, dass das Gutachten alle tatsächlichen Angaben enthalten müssen, die zum Erfassen des Sachverhalts und zum Verständnis der weiteren Ausführungen erforderlich sind. Außerdem müssen die einzelnen Gedankengänge und Schlussfolgerungen so lückenlos sein, dass sie in ihrem logischen Zusammenhang für jedermann nachvollzogen und nachgeprüft werden können. 3 7
  • Ein Gutachten muss systematisch aufgebaut, übersichtlich gegliedert, nachvollziehbar begründet, auf das Wesentliche konkretisiert und sachlich richtig sein. Fehlerhaft ist das Gutachten selbst bei richtigem Ergebnis dann, wenn es in der Begründung erhebliche Darstellungsmängel hat. 4 7

 


3 Weidhaas in Wellmann: "Der Sachverständige in der Praxis", 7. Auflage, Abschnitt A, Rndnr. 39)
4
Bleutge in "Die Haftung des Sachverständigen für fehlerhafte Gutachten", 1. Aufl. 2002, S. 14
7 aaO

 

III.2.3 Zur Bezeichnung "Kurzgutachten":

Der Sachverständige ist nicht berechtigt mit einer bloßen Ergänzung zur Bezeichnung seiner Gutachten sich der Verpflichtung zur Gewissenhaftigkeit zu entziehen. Vertraglichen Gestaltungsspielräumen sind deshalb enge Grenzen gesetzt, zumal der Sachverständige die Drittwirkung seiner Tätigkeit im haftungsrechtlichen Kontext [...] nicht vernachlässigen kann; schließlich verstehen die Auftraggeber unter einem Kurzgutachten üblicherweise eine verkürzte Begründung zu geringeren Kosten, aber mit einem dessen ungeachtet präzisen Ergebnis. Da die Begründung eines Gutachtens den Ergebnisfindungsprozess dokumentiert, wird dem Sachverständigen in solchen Fällen entweder die Übernahme eines erhöhten Risikos zur Ergebnisrichtigkeit oder ein Honorarverzicht abverlangt. Der Sachverständige sollte deshalb in solchen Fällen auf seine öffentlich rechtliche Verpflichtung zur gewissenhaften Tätigkeit verweisen und die Übernahme von Kurzgutachten ablehnen. 5 7

Es stellt sich [...] die Frage, ob die Art und Weise, insbesondere der Umfang der Darstellung der fachlichen Würdigung zulässiger weise durch den Auftraggeber beeinflusst werden kann, z. B. durch die Art des Auftrags oder den Zweck der Leistung des Sachverständigen. Stichworte in diesem Zusammenhang sind Erscheinungsformen der Sachverständigenleistungen wie Formular- und Standardgutachten und Kurz- und Pauschalgutachten. [...] Fraglich erscheint allerdings, ob derartige Leistungen, die bisher weder im Schrifttum noch in der Rechtsprechung definiert sind, noch als Gutachten im eigentlichen Sinn bezeichnet werden können.6 7

Standardisierte und Formulargutachten dienen vor allem der raschen und kostengünstigen Verfahrensabwicklung und sollen darüber hinaus die Vergleichbarkeit von Gutachten bei häufig vorkommenden gleichartigen Geschäftsvorgängen erleichtern. [...] Die Tatsache, dass es diese Sonderformen der Gutachtenerstattung gibt, muss als Indiz dafür angesehen werden, daß sie zumindest zweckmäßig sind. Rechtlich unbedenklich sind sie, wenn für die Verkehrsbeteiligten ihre Bedeutung offen gelegt und damit klar erkennbar ist. In gerichtlichen Verfahren sind sie in aller Regel wegen der eingeschränkten Nachvollziehbarkeit nicht brauchbar.6 7

 


5 Bock in Bayerlein, 3. Aufl., § 3, Rdnr. 21
6
Roeßner in Bayerlein, 3. Aufl., § 10
7 aaO

 

Ein Gutachten ist indessen mangelhaft, wenn es in nicht nachvollziehbarer Weise nur das Ergebnis mitteilt, OLG Düsseldorf, Beschluss vom 21.8.1995 10 W 66/95 7

IV. Sachverständige bieten auch andere Leistungen als nur die grundlegenden und typischsten Leistungen des Gutachters an

Neben der wohl grundlegenden Tätigkeit als Gutachter umfasst eine Sachverständigentätigkeit auch weitere Sachverständigenleistungen. Dazu gehören u.a. Beratungen, Überwachungen, Prüfungen (z.B. Prüfung elektrischer Anlagen nach VdS , VDE oder TPrüfVO) ggf. Wertermittlungen, und Kalkulationen. Die Feststellungen unter III.1 und III.2 lassen nachfolgende Schlüsse zu:

Wenn eine Sachverständigenleistung mit Gutachten betitelt wird, muss dieses auch den (Mindest-) Anforderungen an ein" vollwertiges" Gutachten hinsichtlich Aufbau und Inhalt genügen . Anderenfalls muss damit gerechnet werden, daß das "Gutachten" wegen der dann zwar gewollten aber verkürzten Begründung und der damit meist einhergehenden eingeschränkten Nachvollziehbarkeit als fehlerhaft anzusehen ist . Diese selbst dann, wenn das Ergebnis richtig ist. Denn die Nachvollziehbarkeit ist unumgängliche Voraussetzung für ein ordnungsgemäß erstattetes Gutachten. Es besteht grundsätzlich keine Verpflichtung (und damit auch kein Grund), jede sachverständige Leistung, die eine Bewertung zum Gegenstand hat, als Gutachten zu betiteln. 2

 


2 aaO
7
aaO

 

In vielen Bereichen der Immobilienwirtschaft oder dem Kraftfahrzeuggewerbe oder bei der Prüfung elektrischer Anlagen nach Versicherungsklausel 3602 wird vom Auftraggeber kein "richtiges" und ausführliches Gutachten gefordert, sondern eine in der Begründung verkürzte Ergebnisdarstellung.

Ausdrücklich gefordert wird ein solches Gutachten dagegen im Bereich der gerichtlichen Gutachtenerstattung oder z.B. im Bereich der Wertermittlung nach dem Baugesetzbuch (BauGB).

Es gibt auch Auftraggeber, die dagegen kein Interesse an einer ausführlich und lückenlos erläuterten und erklärten Gedankenführung haben, sondern sie erwarten lediglich ein kurzes, deutliches und schnell verwertbares Ergebnis, das dann mit den Mindestanforderungen der Bestellungskörperschaften oder Zertifizierungsstellen ( siehe oben ) nicht unbedingt einhergeht. Daher ist es für die Sachverständigen wichtig, mit ihren Auftraggebern im Auftrag deutlich zu klären , welche Leistung der Auftraggeber wünscht, so daß eine einwandfreie Auftragserfüllung möglich ist und gleichzeitig z.B. im späteren Streitfalle zwischen Auftraggeber und dem Sachverständigen - dokumentiert werden kann, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen der Auftrag zustande kam. Es ist denkbar solche Hinweise schon in den AGBs des Sachverständigen zu formulieren!

V. Typische Fehler in Gutachten

V.1 Beurteilungskriterien
Aufgrund der geltenden rechtlichen Reglungen sowie den verschiedenen Richtlinien und der Literatur haben die Fachgremien der Kammern wie auch verschiedene Zertifizierer ( z.B. IfS Köln ) - übrigens auch der VSEH ( Verein der vereidigten Sachverständigen für die Elektrohandwerke) , nachfolgende grundlegende Kriterien zur Beurteilung bei der Prüfung von Gutachten bei Antragstellern, bei der Prüfung der besonderen Sachkunde von Sachverständigenbewerbern (VSEH ) sowie der Überprüfung von Gutachten im Rahmen der Überwachung festgelegt :

  • Äußre Form schriftl. Ausdruck (Formulierungen) Vollständigkeit
  • Gutachtenauftrag / Beweisbeschlüsse / Fragen an den SV
  • Gutachtenzweck / Gutachtenempfänger
  • Grundlagen der Kalkulation und Wertermittlung
  • Zutreffende und genaue Literaturangaben / Verfahrensangaben / Verfahrensergebnisse
  • Vergleich SOLL – IST Zustand / Beschreibung
  • Ggf. Bilddokumentationen / Zeichnungen / Skizzen

V.2 Zusammenstellung typischer Fehler

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass bei unzureichenden Gutachten folgende Fehler festgestellt wurden:

  • Verfehlen der Fragestellung des Auftraggebers
  • unzureichende Aktenauswertung
  • mangelhafte Nachvollziehbarkeit
  • mangelhafte Nachprüfbarkeit der Untersuchungen und Ergebnisse
  • unvollständige und / oder widersprüchliche Ausführungen
  • unzureichende Überzeugungskraft durch fehlende Quellenangaben
  • heranziehen falscher Quellenangaben o. zeitlich nicht zutreffender Normen / heranziehen veralteter Literatur
  • fehlende Angaben der Überprüfungskriterien
  • falsche oder fehlende Begründungen für Bewertungen o. Schlussfolgerungen
  • umständliche und unklare , unpräzise Formulierungen
  • Berechnungen werden ohne weitere Überprüfung bzw. Plausibilitätsüberprüfung aus den vorhandenen Unterlagen übernommen.
  • Verwendung fach fremder Begriffe ("Eigenkreationen"), die nicht mit den Fachbegriffen der einschlägigen Normen oder der Fachsprache übereinstimmen.
  • Wechseln der Begriffe für die gleiche Sache im Gutachten

VI. Fazit und Lösungsvorschläge

Da nicht in jedem Bereich der Wirtschaft und der Technik in jedem Fall ein Gutachten als "vollwertiges" Gutachten gefordert wird, sollte von der Bezeichnung dann auch abgesehen werden, wenn der Auftraggeber nicht ausdrücklich ein ausführlich begründetes Gutachten zum Gegenstand seines Auftrages macht.

Es sollte dann eher eine Bezeichnung gewählt werden, die dem Auftrag und dem Zweck der sachverständigen Leistung entspricht (z.B. Wertermittlung, Schadenkalkulation, Schadenbericht, Kurzbericht, Befundschein o.ä.).

Der Auftrag und der Gutachtenzweck sollte zur Sicherheit des Sachverständigen und auch zum Schutz Dritter im Gutachten oder im Kurzbericht o.ä. genauestens beschrieben werden. Mindestens in der Auftragsbestätigung des Sachverständigen an seinen Auftraggeber müssen diese Angaben enthalten sein. Damit erbringt der Sachverständige die von seinem Auftraggeber erwartete Leistung, entgeht aber der Gefahr, ein wegen fehlender Nachvollziehbarkeit fehlerhaftes Gutachten zu erstellen.

VIII . Auflösung des einleitenden Satzes

Dem Menschen, der weiß, dass es gute Deutschbücher gibt, die ihm helfen könnten, und sich dem Studium dieser Bücher nicht widmet, ist nicht zu helfen. 1

Zum Verfasser: Dipl.-Ing. / Elektromeister Thomas Braß ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für elektrische Anlagen der Handwerkskammer zu Köln sowie vom VdS anerkannter Sachverständiger zur Prüfung elektrischer Anlagen . Er ist u.a. Mitglied im VSEH, und hier Vorsitzender des Arbeitskreises zur Prüfung von Sachverständigenbewerbern.

 


1 aaO